Ist die Maurice Lacroix Aikon eine Royal-Oak-Hommage, teilweise Kopie oder ein eigenständiges Design? Wir haben uns unsere Gedanken gemacht. Foto: © Maurice Lacroix

Was über das Vergleichen von Äpfeln mit Birnen gesagt wird, ist bekannt. Lässt man sich davon nicht verunsichern, kann man zu interessanten Schlussfolgerungen gelangen. Bei der Maurice Lacroix Aikon ist ein Vergleich mit der zigfach teureren Audemars Piguet Royal Oak geradezu unvermeidbar. Unübersehbar ließ man sich von der 1972 eingeführten ersten Luxus-Sportuhr der Welt inspirieren. Freilich kein Einzelfall.

Viel falsch machen kann man nicht, wenn man eine der berühmtesten Uhren – mithin eine Ikone – zum Ausgangspunkt seines Designprozesses wählt. Ob man das (wie wir sehen werden) kaum eigenständige Resultat unbedingt „Aikon“ taufen muss, ist eine andere Frage.

Die Maurice Lacroix Aikon im Detailvergleich

Tauchen wir in den Detailvergleich ein. Die Details sind – wie wir von Charles Eames gelernt haben – natürlich nicht lediglich Details. Stattdessen bilden sie das Design.


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Gretchenfrage: Handelt es sich bei der Maurice Lacroix Aikon um eine Royal-Oak-Hommage, eine teilweise Kopie oder ein eigenständiges Design? Foto: © Maurice Lacroix

Es folgt zunächst eine Aufzählung dessen, was bei der Maurice Lacroix Aikon quasi von Audemars Piguet übernommen wurde. Vom Zentrum nach außen: Zeigerspiel, Struktur des Zifferblattes, Stundenmarkierungen und Beschriftung inklusive des Hinweises auf das Automatikwerk – alles orientiert sich äußerst stark an der Royal Oak. Man muss genau hinsehen, um Unterschiede zu entdecken. Das Datumsfenster besitzt abweichend eine Einfassung, die Zifferblattstruktur ist etwas feiner. Die Stundenmarkierungen wiederum sind aus der Minuterie heraus nach innen versetzt, was weniger harmonisch anmutet und das Zifferblatt optisch schrumpfen lässt.

Zufall ausgeschlossen

Eine Ausnahme bildet die Lünette, denn diese ist anders als bei der Royal Oak rund und nicht achteckig. Außerdem ist sie statt mit Schrauben mit Krappen verziert. Es handelt sich also um eine relative Eigenkreation, die vermutlich auf der Omega Constellation basiert.

Understatement? Fehlanzeige! Die von Uhrendesigner-Legende Gerald Genta entworfene Royal Oak in einer besonders auffälligen Version.

Weiter geht es mit der Form des Gehäuses. Hier wird die Sache komplizierter. Je nach Blickwinkel unterscheidet sich die Maurice Lacroix Aikon mal mehr, mal weniger von der Royal Oak. Von oben ist zu erkennen, dass die Bandanstöße zwar bis zur Lünette reichen, die Gehäuseform ansonsten aber dem Vorbild entspricht. Einschließlich des Knicks zu den Bandanstößen hin. Sogar die Form und der Aufbau des Metallbandes sind so ähnlich, dass ein Zufall ausgeschlossen ist. Zugegeben, die mittleren, dem Zusammenhalt dienenden Glieder der Aikon treffen aufeinander, während sie bei der Royal Oak – an eine gestrichelte Linie erinnernd – auf Abstand bleiben.

Fast nichts ist sehr wenig

Von der Seite ergibt sich ein anderes Bild. Hier ist die Royal Oak eckig, der vermeintliche Epigone abgerundet, was besser zur runden Lünette passt. Bei der Uhrenkrone dann erneut große Übereinstimmung. Nur dass die gleichermaßen sechseckige, gut zu greifende Form bei der Maurice Lacroix Aikon an den Ecken zusätzliche Riffeln aufweist. Hierdurch korrespondiert die Uhrenkrone optisch mit den Krappen. Trotz dieser geringfügigen Originalität muss man als Zwischenfazit sagen: Fast nichts ist sehr wenig.

Rund statt kantig: Von der Seite erkennt man einige Unterschiede zur Royal Oak von Audemars Piguet. Foto: © Maurice Lacroix

Andererseits sind wir bislang über keinen Punkt gestolpert, der Grund gäbe, die Maurice Lacroix Aikon abzulehnen. Insbesondere eingedenk des vergleichsweise niedrigen und auch absolut gesehen vernünftigen aufgerufenen Preises. Handarbeit darf man aus dem Hochlohnland Schweiz für einen niedrigen vierstelligen Betrag nicht erwarten. Qualität hingegen schon. Und die bekommt man – selbst im Inneren. Obschon ebenfalls aus pekuniären Gründen kein aufsehenerregendes Manufakturwerk eingeschalt wird, ist am grundsoliden Automatikwerk von Zulieferer Sellita nichts auszusetzen. Zumal sich dieses durch jeden professionellen Uhrmacherbetrieb günstig warten oder reparieren lässt.

Schlussfolgerung

Zwischen den jeweiligen Zielgruppen mag es eine gewisse Schnittmenge geben. Faktisch richtet sich das Angebot von Maurice Lacroix jedoch an einen völlig anderen Teil der Gesellschaft als jenes von Audemars Piguet. In puncto Prestige und Exklusivität hat die Maurice Lacroix Aikon der Royal Oak nämlich nichts entgegenzusetzen. Spricht das gegen die Uhr? Wir sagen immer wieder: Gutes Design setzt nicht zwingend hohe Preise voraus, sondern die gekonnte Übersetzung von Funktion in Form – sowie langlebige Qualität.

Wer auf die letzte handwerkliche Finesse (und neidische Blicke) verzichten kann, wird von der Maurice Lacroix Aikon sicher nicht enttäuscht. Obendrein erwirbt man mit ihr eine wirkliche Sportuhr. Es ist ja einfach nicht nachvollziehbar, warum die Wasserdichtigkeit der Royal Oak streng genommen nicht einmal für den Swimmingpool genügt.

Zum Schluss noch ein wenig Trivia: Wussten Sie, dass beide Marken mehr als die Schweizer Herkunft verbindet? Kreiert wurde Maurice Lacroix 1975 durch das zuvor hauptsächlich auf Seide spezialisierte Handelsunternehmen Desco von Schulthess aus Zürich. Das Ziel war die Diversifizierung. Gewisse Erfahrungen besaß man bereits. Und zwar hatte Desco von Schulthess vertrieblich unter anderem mit der exakt 100 Jahre älteren Marke Audemars Piguet zusammengearbeitet. Wenngleich derlei Zusammenhänge die Maurice Lacroix Aikon nicht aufwerten, kann man zumindest sich selbst als sachkundig ausweisen. Wie viele Menschen tragen ohne jede Kenntnis der Geschichte der Uhrenindustrie den Gegenwert eines Premium-Automobils am Handgelenk ….

Weitere Informationen:
Maurice Lacroix
www.mauricelacroix.com

Titelbild: © Maurice Lacroix

 
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