Messerscharf wie seine Form ist das Handling des ab 1976 produzierten Lotus Esprit. Klarer Fall von Design für die Ewigkeit. Foto: © Lotus Cars plc

Das Runde muss ins Eckige? Die bekannte fußballerische Weisheit könnte als Montage-Anleitung für den 1972 erstmals vorgestellten Lotus Esprit dienen. Lediglich Radhäuser und Räder unterbrechen dessen radikale Keilform. Ungebrochen ist bis heute ihre Faszination, wie der Encor Series 1 beweist. Für die technisch modernisierte Neuinterpretation behielt das unter anderem aus ehemaligen Mitarbeitern von Lotus und Aston Martin bestehende Team die originale Linienführung praktisch unverändert bei. Perfektion kennt keine Steigerung.

Der Lotus Esprit im Film

Der Lotus Esprit ging 1976 in Serie, schon ein Jahr danach folgte die maximale Nobilitierung in „Der Spion, der mich liebte“. Legendär ist die Szene, in der sich das ins Meer stürzende James-Bond-Gefährt kurzerhand in ein U-Boot verwandelt. Vergleichbar nur mit der Schlusssequenz aus „Fantomas gegen Interpol“ von 1965, in der sich der von Jean Marais gemimte Superschurke mit seinem Citroën DS dank ausklappbarer Tragflächen uneinholbar in die Lüfte erhebt.


 
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Übrigens köderte Lotus der Überlieferung nach die 007-Filmproduktionsfirma, indem man ihr das offenbar unwiderstehliche Urbild aller britischen Supercars provozierend auf den Hof stellte. Der Rest ist Geschichte.


 
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Über insgesamt zwei Bond-Auftritte und zahlreiche weitere Hollywood-Einsätze hinaus existiert eine indirekte Entwicklungslinie zum unvergesslichen DMC DeLorean aus „Zurück in die Zukunft“. Lotus-Gründer Colin Chapman half John DeLorean Ende der 1970er-Jahre bei der Verwirklichung seiner Vision, wodurch sich die konstruktive und ästhetische Nähe zum Lotus Esprit erklärt.

Nur Fliegen ist schöner? Lotus-Gründer Colin Chapman mit Lotus Esprit und einem zweiten Steckenpferd im Hintergrund.

Kompromisslosigkeit trifft Pragmatismus

Ursprünglich hatte Chapman vorgehabt, Pilot zu werden. Neben Geschwindigkeit hatte er Geschäftssinn im Blut. Für Jahrzehnte galt bei Lotus das Motto: „Win on Sunday, sell on Monday.“ Dass es trotz geringer Unternehmensgröße und dementsprechend beschränkter Mittel gelang, über lange Zeit den Formel-1-Rennsport zu dominieren, wirkte sich freilich gewinnbringend auf das Image der Fahrzeuge mit Straßenzulassung aus. Möglich wurde all das durch eine beispielhafte Mischung aus Kompromisslosigkeit und Pragmatismus. Letzteres macht sich beim Lotus Esprit an vielen Stellen bemerkbar. Warum eigene Rückscheinwerfer oder Türgriffe entwickeln, wenn man von Großserien-Herstellern günstig hinzukaufen kann?

Sogar beim Getriebe setzte Lotus auf Großserientechnik, in dem Fall von Renault. Was den Lotus Esprit demgegenüber wirklich prägt, trägt die klare Handschrift von Colin Chapman. Das Folded-Paper-Design wiederum verdanken wir dem „Car Designer of the Century“ Giorgetto Giugiaro. Aus seiner Feder stammen unzählige wegweisende Automobile, darunter der erste VW Golf.

Lotus Esprit – eine Skulptur auf Rädern

So messerscharf wie seine Form ist das Handling des Lotus Esprit. Der klischeehafte Ausdruck vom Fahren wie auf Schienen trifft hier wirklich zu. Und aufgrund des geringen Gewichts der auf einem Stahl-Zentralrahmen montierten Fiberglas-Chassis reichen vier Zylinder für beachtliche Fahrdynamik. Mögen die 8,5 Sekunden von null auf hundert bei einer Spitzengeschwindigkeit von 216 km/h der ersten Serie aus heutiger Sicht unspektakulär klingen – seinerzeit waren das für die meisten Traumwerte.

Aber ist es nötig, den gesuchten, retro-futuristisch anmutenden Klassiker schnell zu bewegen, um ihn zu genießen? Versprüht die „kinetische Skulptur“ nicht bereits parkend mehr Freude und Charme als fast alles, was heutzutage aus Einheitsbrei entsteht?

Der Lotus Esprit selbst blieb davor indes ebenfalls nicht verschont. Modelle ab 1988 bis zum Produktionsende im Jahr 2004 erscheinen abgerundet und optisch gezähmt. Ihretwegen würden wir nicht von Design für die Ewigkeit sprechen wollen. Apropos ewig: Die in Teilen fragile britische Technik lässt sich ohne fachkundige Hand (und tiefe Taschen) kaum dauerhaft bewahren. Merke: Leidenschaft kommt von Leid.

Weitere Informationen:
Lotus Cars plc
www.lotuscars.com

Bildhinweis:
Für alle Fotos gilt: © Lotus Cars plc