Die Ausdifferenzierung der Beinkleider im 20. Jh. führte zu ebenso vielen Formen wie Begriffen. Pantyhose, Tights, Hold-ups, Leggings etc. Unser Titelbild zeigt einen der aktuellen Styles von Marktführer Calzedonia, präsentiert von Toni Garrn. © Calzedonia

Lügen sollen angeblich kurze Beine haben. Gesehen hat die bislang niemand. Gleichermaßen unrealistisch sind die berühmten endlos langen Beine, von denen so häufig die Rede ist. Tatsache ist hingegen, dass zum Einmaleins des Sich-Kleidens schon immer gehört hat, „nackte Tatsachen“ schmeichelhafter erscheinen zu lassen. Zum Beispiel durch die Wahl geeigneter Beinkleider.

Eine Ausnahme bildet natürlich der zeitgenössische „Body Positivity“-Trend. Davon abgesehen: Wer die Prinzipien optischer Täuschung nicht zum Kaschieren ausnutzen muss, betont alternativ die vorhandenen Vorzüge. Mit Beinkleidern wie Leggings, Tights oder Hold-ups kann der Spagat zwischen dem Zeigen und Verbergen auf ästhetische Weise gelingen.

Beinkleider und die Machtfrage

Was heutzutage in unserer westlichen Kultur zum subtilen modischen Spiel geworden ist, war früher weniger spaßig, weil Männer bekanntermaßen lange Zeit glaubten, allein die Hosen anzuhaben. Wortwörtlich sowie im übertragenen Sinn. 1970 sorgte beispielsweise die Bundestagsabgeordnete Lenelotte von Bothmer für einen handfesten Skandal, als sie statt im Rock, wie es sich gehörte, im Hosenanzug ans Rednerpult trat.


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Fast wie ausgedacht klingt, dass bis zum 31. Januar 2013 Frauen streng genommen nicht in Hosen durch die „Hauptstadt der Mode“ spazieren durften. Die Abschaffung der entsprechenden Bekleidungsverordnung war in den Augen mancher Einwohner von Paris allerdings reine Zeitverschwendung. Durchgesetzt wurde sie nämlich längst nicht mehr.

Von wegen tote Hose: Beinkleid und Revolution

Andererseits stellt sich die Frage, ob sich aufgeklärte, moderne Gesellschaften nicht schon aus Prinzip von allen Instrumenten der Diskriminierung und Unterdrückung befreien sollten, ja sogar müssen …

Das besagte administrative Relikt stammt übrigens aus der Zeit der Sansculottes. Im Frankreich der Revolutionszeit waren das Arbeiter und Kleinbürger, die sich durch ihre langen Hosen vom Adel in seinen typischen kurzen Hosen („Culottes“) abgrenzten. Männer, wohlgemerkt. Frauen schloss man hiervon aus.

Männer in Strumpfhosen

Und was trugen Wohlgeborene (Männer) zur Bedeckung ihrer Unterschenkel? Selbstverständlich Strumpfhose. Diese hatte sich aus den Beinlingen des Mittelalters entwickelt und wurde später zur fußlosen langen Unterhose.

Einmal mehr zeigt sich – genau wie bei der Farbe Rot, die bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts quasi Männern vorbehalten war – dass die Verknüpfung modischer Merkmale mit Geschlechterrollen genauso wechselhaft wie arbiträr ist. Einen grandiosen gesellschaftlich-kulturellen Lernerfolg bedeutet daher die zumindest theoretisch gegebene Möglichkeit, dass heute alle Menschen tragen dürfen, worin sie sich am wohlsten fühlen.

Pantyhose, Tights und Leggings

Ebenfalls zurück ins revolutionäre 18. Jahrhundert führt die Suche nach dem erstmaligen Einsatz der Strumpfhose in der Damenbekleidung. Von da an begann eine Ausdifferenzierung, die im 20. Jahrhundert zu ebenso vielen Formen wie Begriffen führte. Die Pantyhose kennt man als elegante, eng anliegende und den unteren Rumpf bedeckende dehnbare Strumpfhose mit Fußteil. Es gibt sie blickdicht und transparent.

Als Tights werden Strumpfhosen aller Arten gehandelt, bis hin zur Strickstrumpfhose. Die ohne Taillenbund halterlos am Oberschenkel haftenden Strümpfe nennt man Hold-ups. Leggings wiederum sind in der Regel fußlose enganliegende Hosen aus gleichfalls dehnbarem Material. Im Gegensatz zu Strumpfhosen dienen sie meist als sportliche oder legere Freizeitkleidung.

Plastic fantastic

Das bezogen auf Strumpfhosen mit Sicherheit wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts war die Entdeckung von Polyhexamethylenadipinsäureamid. Der Stoff ist besser bekannt unter dem Handelsnamen Nylon. 1940 startete in den USA der Abverkauf der ersten fünf Millionen Nylonstrümpfe.

Eigentlich hätten die Nylons No-Run heißen sollen. Man entschied sich bei dem 1802 gegründeten US-Chemieriesen DuPont jedoch vorsichtshalber dagegen, mit dem Namen zu suggerieren, dass Laufmaschen dank der Novität der Vergangenheit angehören würden. Mutiger und dennoch erfolgreich war drei Jahrzehnte später die Textilfirma Hanes, die mit dem Wortspiel „L´eggs“ und passend dazu mit auffälliger Kunststoffei-Verpackung punktete, woran wir in unserem „Ei mal eins des Designs“ erinnert haben.

Biologische Abbaubarkeit versus Recycling

Alles im Leben hat zwei Seiten – so ist es auch hier. Der Erfolg der Wunderfaser ließ die Zahl der getöteten Seidenraupen sinken. Dafür waren die neuen Strumpfhosen nicht biologisch abbaubar und stattdessen Teil des gewaltigen Plastikmüll-Problems.

Vor Jahren bereits wies der an der Entwicklung von Cradle to Cradle beteiligte deutsche Chemiker Michael Braungart indes darauf hin, dass Nylon beziehungsweise Polyamid 6.6 das Zeug zum Kunststoff der Zukunft hat. Das Material ist zwar vergleichsweise teuer, lässt sich aufgrund seiner spezifischen Eigenschaften aber beliebig oft recyceln respektive hervorragend upcyceln.

Strumpfhosen wie gemalt

Noch umweltfreundlicher wäre vielleicht nur der Rückgriff auf den Trick der Mangeljahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die fehlenden Strumpfhosen malten Frauen sich damals einfach massenhaft auf. Im Anschluss an das Färben der Beine wurde hinten jeweils eine Linie für die Naht aufgezeichnet.

Während der nahtlos hergestellte Seidenersatz die Notwendigkeit für Letzteres nahezu vergessen gemacht hat, sind Linien und sonstige grafische Ornamente, wie sich an den letzten Entwürfen von Legwear-Marktführer Calzedonia ablesen lässt, heute wieder stark im Kommen. Zum Glück muss für die nächste Zeit trotz zunehmender Wertigkeit der Modelle nicht damit gerechnet werden, dass Nylons erneut zur Ersatzwährung avancieren. Gegen alles Mögliche ließen sie sich hierzulande vor rund 80 Jahren auf dem Schwarzmarkt eintauschen.

Bildhinweis:
Unser Titelbild zeigt einen der aktuellen Styles der Marke Calzedonia, präsentiert von Toni Garrn. © Calzedonia

Weitere Informationen:
Calzedonia S.p.A.
www.calzedonia.com

 
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