In einer bemerkenswerten Dualität ist die 1972 eingeführte Plattenspieler-Baureihe Technics SL-1200 zugleich passives Abspielgerät und Musikinstrument. Das Foto zeigt eine von sieben Varianten aus der Sonderedition zum 50. Jubiläum. Foto: © Panasonic

Mit den Anfängen der mechanischen Aufnahme- und Wiedergabetechnik fiel Ende des vorletzten Jahrhunderts das Privileg, Musik ausschließlich hören zu können, wenn man jemanden für sich live musizieren lassen konnte. Das musikalische Kunstwerk war somit im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit angekommen, um einen berühmten Aufsatz Walter Benjamins ins Spiel zu bringen. Mitte der 1930er-Jahre beschrieb der Philosoph, wie die Vervielfältigung zum Wegfall der Aura des Echten und Einmaligen führt. Zudem verband er damit einen Verlust an Tradition.

Wie wohl hätte es Benjamins Auffassung beeinflusst, wäre „Turntablism“ als das Erschaffen von originären Werken mit den Mitteln des Appropriierens und Variierens früherer vervielfältigter Werke, sprich Schallplatten, damals bereits erfunden gewesen? Das hierfür weltweit am meisten genutzte Werkzeug – wenn nicht der eigentliche Auslöser des Phänomens – ist die Plattenspieler-Baureihe Technics SL-1200. In einer bemerkenswerten Dualität handelt es sich hierbei zugleich um passive Abspielgeräte und regelrechte Musikinstrumente von DJs. Erstmals vorgestellt wurden sie vor 50 Jahren durch den japanischen Matsushita-Konzern (inzwischen in „Panasonic“ umbenannt).

Gutes bleibt … oder kommt wieder

Dass die Serie Technics SL-1200 heutzutage noch (beziehungsweise nach der Beendigung der Produktion im Jahre 2010 erneut) hergestellt wird, ist das Ergebnis einer 2014 gestarteten Petition in den sozialen Netzwerken. Im selben Jahr wurde die 1965 lancierte Hi-Fi-Marke Technics wiederbelebt. Ihr Aus war die Folge des MP3- und Streaming-Booms, der klassische Stereoanlagen zu Beginn des 21. Jahrhunderts alt aussehen ließ. Weil sich aber gemäß einer alten Grundregel wahre Qualität langfristig gesehen stets durchsetzt, kam es ähnlich wie zuvor beim Revival der mechanischen Uhr alsbald zu einer eindrucksvollen Renaissance, verbunden mit der technologischen Weiterentwicklung.


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Funktioniert reibungslos

Eigentlich hatte man die 1972 eingeführte Serie Technics SL-1200 als Ergänzung für höherwertige Hi-Fi-Anlagen konzipiert. Die spätere Nobilitierung als kultureller Katalysator verdankt sie zahlreichen technischen Finessen. Nicht ganz unwichtig: die hohe Fertigungsqualität und der audiophile Klang, der sich jederzeit durch den Tausch des Tonabnehmers an die eigenen Vorlieben anpassen lässt. All das sicherte dem unter der Leitung von Shuichi Obata entwickelten Direkttriebler von Anfang an eine Sonderstellung.

Direktantrieb bedeutet reibungslose Funktion aufgrund des Wegfalls des Riemens. In Verbindung mit der seinerzeit bahnbrechenden Quarzsteuerung macht das praktisch verschleißfrei arbeitende System den Technics SL-1200 präzise, schnell und stark. Das wiederum erlaubt „Turntable-Rockern“ das permanente Strapazieren des außergewöhnlich schweren Plattentellers. Egal wie stark er per Hand abgebremst, vor- oder zurückgedreht wird – er erreicht nach dem Loslassen augenblicklich das Ausgangstempo. Einem Supersportwagen gleich, jedoch ohne lästiges Aufheulen oder Quietschen.

Der Technics SL-1200 zeigt: Perfektion ist ein Prozess

Mit dem Technics SL-1200 ging es zwar 1972 los, einen Startknopf besaß die Ende des Jahrzehnts abgelöste erste Generation dennoch nicht. Bis zum Erscheinen des MK 2 war dafür ein Hebel vorgesehen. Als Teil eines kontinuierlichen Verbesserungsprozesses gelang im Laufe der Jahrzehnte immer wieder die Optimierung verschiedenster Details, darunter Dämpfung, Elektronik, Tonarm und das beim Verstellen der Drehzahl (Pitch) nützliche Stroboskop, das die entsprechenden Markierungen am Plattenteller anstrahlt und dadurch optisch Aufschluss über die aktuelle Geschwindigkeit gibt.

Mit der Wiederaufnahme der Produktion erfuhr der Technics SL-1200 2016 als exklusives „Grand Class“-Modell nochmals eine gründliche Überarbeitung von Antrieb (komplett neuer Motor), Drehzahlsteuerung und Dämpfung. Mit dem MK 7 brachte man schließlich 2019 das erste neue Standardmodell für DJs auf den Markt. Zu den Highlights zählen variables Start-Drehmoment und veränderbare Abbremsgeschwindigkeit. Als ultimativer Beweis, dass man bei Panasonic nicht stillsteht oder sich gar zurückentwickelt, dient darüber hinaus quasi die neue kreative Reverse-Play-Funktion. Mit ihrer Hilfe könnte man zum Beispiel das Gitarrensolo von George Harrison für „I’m Only Sleeping“ vom Beatles-Album „Revolver“ von 1966 erstmals in der richtigen Richtung hören, da es zur Steigerung des Effekts rückwärts in das Stück eingebaut wurde.

Gut zu erkennen an der Jubiläums-Plakette, der Slipmat mit goldenem Logo-Print und dem vergoldeten Tonarm: die im Frühjahr 2022 während eines Livestreams von sieben arrivierten DJs vorgestellte, aus sieben Farbvarianten bestehende Sonderedition des Technics SL-1200.

Fazit

Alles das, was Erziehungsberechtigte ihren Sprösslingen im Umgang mit der heimischen Anlage früher aus gutem Grund zu verbieten pflegten, wurde mit dem denkbar robusten Technics SL-1200 problemlos möglich. Allerdings empfiehlt sich der Schutz der empfindlichen Plattenunterseiten. Eine entsprechende Unterlage – „Slipmat“ genannt – ist Teil der serienmäßigen Ausstattung der limitierten Sonderedition zum 50. Jubiläum. Das war 1972 noch anders; weil die Zielgruppe eine andere war. Nichtsdestoweniger sind viele der frühen Modelle heute nach wie vor im Einsatz. Der Technics SL-1200 ist nämlich nicht nur das am längsten hergestellte Produkt aus dem Bereich der Unterhaltungselektronik, sondern auch eines der langlebigsten und solidesten Geräte mit Stromkabel. Hier trifft Nachhaltigkeit auf Kult – also ganz klar ein Fall von Design für die Ewigkeit.

Weitere Informationen:
Panasonic Deutschland
www.technics.com

Bildhinweis:
Für alle Fotos gilt: © Panasonic

 
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