Mailänder Möbelmesse – sind Schauen wie diese noch zeitgemäß? Vom Nachholbedarf einer Branche. Ein Beitrag aus der Reihe Designgedanken. Im Bild: der „Circolo Thonet“ © Thonet GmbH

Alljährlich im April pilgern seit 1961 Designbegeisterte über die Alpen oder blasen – aus allen Himmelsrichtungen kommend – Kerosin-Verbrennungsrückstände in die Atmosphäre, um in der Hauptstadt der Lombardei mit dabei zu sein. Es sei denn, eine Pandemie macht der Mailänder Möbelmesse einen Strich durch die Rechnung. Nachwirkung im Jahr 2022: der auf Juni verschobene Termin. Verbunden mit der verspäteten Feier des 60. Jubiläums der weltweit wichtigsten Ausstellung für beinahe alles, was ein Haus benutzbar beziehungsweise zum Heim werden lässt.

Aber lohnt sich der Aufwand einer derartigen ‚Völkerwanderung‘ heutzutage wirklich noch? Stühle, Tische, Sofas, Schränke – gibt es nicht bereits ausreichend viele Variationen der immer gleichen Themen? Und falls nicht, sollte man mit Blick auf den nahenden Klimakollaps nicht die digitalen Möglichkeiten ausschöpfen, die sich in den letzten zwei Jahren in zahlreichen Bereichen bewährt haben? Fragen, die vorläufig unbeantwortet bleiben. Denn ganz offensichtlich wollen sich die Menschen wieder Auge in Auge gegenübertreten. Und so dreht sich das Karussell zunächst einmal wieder weiter.

Freiheitsdrang versus Cocooning

Tiefenpsychologisch war 2022 für die meisten trotz des Nachholbedarfs infolge der Unterbrechung die Suche nach dem absolut Neuen und Ausgefallenen sicherlich nicht das Vordringlichste. Bewusst oder unbewusst spielte die Sehnsucht nach einer Rückkehr zu Normalität und Konstanz eine entscheidende Rolle. Was nichts Neues ist. Werden die Zeiten turbulenter oder gar – wie leider gegenwärtig – eschatologisch verfinstert, ist Konservativismus ein typischer Reflex. Und der Rückzug ins Private. Das war schon lange vor der Erfindung des Begriffs „Cocooning“ so. Dass es diesmal ein wenig anders kommt, liegt freilich daran, dass man nach all den Lockdowns und Shutdowns genug davon hatte, die eigenen vier Wände anzustarren. Man möchte hinaus in die Welt, die Freiheit spüren.


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Einen kleinen Schönheitsfehler hat die Sache dann doch. Mit der Inflation kehrt ein Gespenst zurück, dass ganze Generationen nur vom Hörensagen kannten. Wer kauft Möbel, wenn er sich die geheizte Stube und das warme Essen vielleicht bald nicht mehr leisten kann? Allerdings zeigt sich auch hier – und das ist ebenfalls nichts Neues – die äußerst verschiedenartige Wahrnehmung. Für einen wachsenden Teil der Menschheit läuft es ungeachtet aller Krisen glänzend. Heute zur Mailänder Möbelmesse und morgen nach Monaco jetten, sich nach Herzenslust belohnen und verwöhnen – kein Problem. Zeitgleich wird ein deutlich größerer und gleichermaßen wachsender Teil immer stärker abgehängt. Die überall in westlichen Industrienationen zu besichtigende Zunahme nachgerade obszönen Reichtums parallel zur regelrechten Verwahrlosung großer Bevölkerungsgruppen verheißt für die Zukunft nicht viel Gutes.

Mailänder Möbelmesse – wie Liegestühle auf der Titanic?

Muss man sich mit solchen Gedanken überhaupt quälen, wenn man auf der Mailänder Möbelmesse lediglich Design genießen will? Nicht wenige werden diese rhetorisch gemeinte Frage fast als reaktionär empfinden. Und das stimmt hoffnungsvoll. Denn zunehmend wird verstanden, dass wir nicht mehr in zwei oder drei Welten leben, sondern auf einem einzigen – gemessen an unserem Rohstoffhunger – kleiner werdenden Planeten. Würde man hingegen die Welt der konsumistischen Annehmlichkeiten weiterhin diskret getrennt von den Kehrseiten betrachten, käme das dem Umdekorieren der Liegestühle auf der Titanic gleich, um einen Ausspruch Richard David Prechts zu zitieren.

Damit wären wir wieder bei den Möbeln angelangt. Die wählt man unserer Überzeugung nach am besten überlegt und mit klarem Fokus auf Langlebigkeit. Im Hinblick auf Qualität und Robustheit und bezogen auf die visuelle Dauer der Form. Das schont den Geldbeutel und entlastet die Umwelt. Hinzu kommt etwas, das man so richtig erst mit den Jahren zu schätzen lernt: die Schönheit und Würde jener Dinge, in die sich unser Leben in Form von Gebrauchsspuren hineingeschrieben hat. Mögen sich die Fahrgeschäfte auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten – ob auf der Mailänder Möbelmesse oder anderswo – ruhig schnell und immer schneller drehen. Erstrebenswerter als jede kurzlebige Verlockung sind Zeitanker. Nichts kann ihnen langfristig das Wasser reichen.

Der „Circolo Thonet“ genannte Stand des Pioniers seriell gefertigter Möbel zeigte auf der Mailänder Möbelmesse eine Auswahl ikonisch-klassischer Modelle sowie einige Neuheiten. Thonet bildet auf dem internationalen Möbelmarkt eine Ausnahme. Wie schon Mitte des vorletzten Jahrhunderts setzt man weiterhin auf handwerkliche Qualität und erlesene Materialien im Dienste der Robustheit und Langlebigkeit. Die funktional begründete Formensprache ist von so schlichter, zeitloser Eleganz, dass sie niemals langweilig werden oder aus der Mode kommen kann. Die Zeit hat das längst gezeigt. Im Bildausschnitt links zu erkennen: Der Thonet 119 F von Sebastian Herkner in der Farbstellung „High-Gloss dark red“ (wir berichteten). Rechts außen eine Sneak Preview aus der Kollektion Thonet 220 von Sam Hecht und Kim Colin (Industrial Facility), deren offizielle Vorstellung für die Orgatec 2022 im Oktober angekündigt ist. Fotos: © Thonet

 
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