Mit Eine Art zu leben – Ballenberg Notizen laden Herausgeber Rolf Fehlbaum und Lars Müller Publishers zu einer eindrucksvollen architektonischen und gestalterischen Zeitreise ein.

Ein Buch über Ballenberg? „Nie gehört“, werden die meisten sagen. Zumindest hierzulande. In der Schweiz hingegen kennt man den Namen des 1978 eröffneten Freilichtmuseums im Berner Oberland durchaus landauf, landab.  Auf einer Fläche, die der Größe von mehr als 40 Fußballfeldern entspricht, lädt es Gäste in eine verlorene Welt ein. Täuschen wir uns jedoch nicht, sie war bereits durch Vernetzung geprägt. Allerdings mit der Natur und den Jahreszeiten – nicht via Datenautobahn mit der hinterletzten Ecke des Planeten. Das Konglomerat aus über 100 original historischen Gebäuden aus allen Teilen der Schweiz vermittelt Besuchenden in Hofstetten bei Brienz einen ungewohnten Blick auf die Dinge jenseits der schönen neuen (digitalen) Konsumwelt. Also quasi auf das, was im Leben wirklich zählt. Sofern man nicht in die Falle der Verklärung tappt. Doch hierzu gleich mehr.

Von wegen nur Schweizer Fahnen und Balkone mit Geranien

Wo noch lässt sich ein halbes Jahrtausend Alltagsgeschichte derart verdichtet an einem Ort finden? Das soeben neu bei Lars Müller Publishers erschienene „Eine Art zu leben – Ballenberg Notizen“ hält die einzigartige Zeitreise, die im Land der Uhren möglich ist, in ansprechender Buchform fest. Unternommen wurde sie hierfür von Herausgeber Rolf Fehlbaum, Designer Jasper Morrison und den Architekturschaffenden David Saik, Tsuyoshi Tane und Federica Zanco. Ein Glücksfall, dass es überhaupt dazu kam. Fehlbaum hatte sich ehedem ein Gelände mit Bauernhäusern, Schweizer Fahnen und Balkonen mit Geranien vorgestellt. Ein Klischee vom „Heidiland“, wenn man so will. Und somit „nichts, was ich unbedingt sehen wollte“, so der emeritierte Vorsitzende der weltbekannten Schweizer Vitra AG im Einführungskapitel.

Weil Reisen – wie schon Oscar Wilde wusste – unseren Geist wunderbar veredelt und mit all unseren Vorurteilen aufräumt, vermochte der Besuch in Ballenberg auch Fehlbaum eines Besseren zu belehren. Zwischen Gärten und Feldern mit Bauernhoftieren entdeckte er erst spät – mit 78 Jahren – Designschätze, von deren Urhebern keinerlei Label zeugt. Nebst Architektur, in die sich die Auseinandersetzung mit der rauen Natur der Schweizer Alpen hineingeschrieben hat. Fenster, Türen, Dächer, Griffe und unzählige andere Details sind klar, schnörkellos und ehrlich. Was nicht Wunder nimmt. Denn „im ländlichen Kontext ist kein Platz für Schnickschnack“, wie Fehlbaum es ausdrückt.

Ballenberg ist eine ambivalente Angelegenheit

Wir selbst fühlen uns in diesem Zusammenhang an ähnliche wiederentdeckte Konzepte erinnert, die uns unlängst der Südtiroler Architekt Armin Pedevilla im Interview auseinanderlegte. Dass die Rückbesinnung auf ein Bauen, das die Anforderungen der Natur und die lokal verfügbaren Mittel ins Zentrum rückt, nicht bloß ein kurzlebiger modischer Trend ist, beweist die Tatsache, dass Pedevilla mit seinem Team jüngst zum besten Architekturstudio Italiens gekürt wurde. Aber zurück zur Inspirationsquelle im Schweizer Kanton Bern.

Mit ihren sehens- und lesenswerten Fotografien und Kommentaren lenken Fehlbaum et al. die Aufmerksamkeit auf eine ambivalente Angelegenheit. Man sollte sich davor hüten, das Leben der damaligen Landbevölkerung zu romantisieren. Während endlos langer Wintermonate von der Außenwelt abgeschnitten zu sein und Errungenschaften wie die moderne medizinische Versorgung entbehren zu müssen? Freiwillige vor! Dies gesagt habend, ist „Eine Art zu leben – Ballenberg Notizen“ kein irgendwie verkitschter Blick auf die Vergangenheit. Im Gegenteil werden die harten Bedingungen des Zustandekommens der gezeigten Architektur reflektiert. Wie Fehlbaum treffend formuliert, ist diese indes nicht „von trauriger, nur das Existenzminimum befriedigender Funktionalität, sondern vielmehr ein erfreulicher Ausdruck guter Arbeit“.

Aus dem Wenigen das Maximale gemacht

In unserer Wahrnehmung passt die Neuerscheinung zu wichtigen Erfordernissen der Gegenwart. Wir benötigen eine vermehrt synoptische und gewissermaßen stärker diachronische Weltbetrachtung. Erkenntnisse von früher können nämlich auf verblüffende Weise den Weg zur Lösung jener vielfältigen Herausforderungen weisen, vor denen wir heute stehen. Indem die Altvorderen der heutigen Eidgenossen jahrhundertelang aus dem Wenigen das Maximale gemacht haben, ohne sich ihrer Grundlagen zu berauben, sind uns die Zeugnisse ihres Lebens, Wirtschaftens und Bauens ein wertvoller Schatz. Wer sich um Nachhaltigkeit bemüht, kann von der Beschäftigung mit Ballenberg profitieren. Ebenso wie jene, die nach einer neuen Harmonie von Form und Funktion streben.

Neben dem Autorenteam verdient der Verlag Lob. Ein ums andere Mal gelingt es Lars Müller Publishers, sich in puncto Themenwahl und Umsetzung klar vom Mainstream-Einerlei zu unterscheiden. Und zwar ohne aus Vermarktungsgründen krampfhaft zu versuchen, anders zu sein. Tatsächlich taugt zur Charakterisierung des Verlages aus Zürich, was Fehlbaum über Ballenberg sagt: „Neues wurde nicht erfunden, um aufzufallen, sondern weil es in der gegebenen Situation notwendig war.“ Und abschließend noch ein weiteres Zitat von Fehlbaum, welches glänzend Fokus und Kerngedanken des Ballenberg-Buches beschreibt: „Das Idyllische und Malerische war in anderen Publikationen behandelt. Uns begeistert, wie angemessen diese Gebäude, die Innenräume und die Ausstattungen ihrem Zweck dienten.“

Eine Art zu leben: Ballenberg Notizen
Herausgegeben von Rolf Fehlbaum
Mit Fotografien von Jasper Morrison, David Saik, Tsuyoshi Tane, Federica Zanco
Mit Beiträgen von Beatrice Tobler, Jasper Morrison, David Saik, Tsuyoshi Tane und Federica Zanco
Lars Müller Publishers
208 Seiten, 168 Abbildungen
ISBN 978-3-03778-723-6

Weitere Informationen:
Lars Müller Publishers GmbH
www.lars-mueller-publishers.com

 
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